Was passiert in uns, wenn wir gestresst sind?
Als unsere Vorfahren jagend und sammelnd durch eine gefahrvolle Umwelt streiften, haben sich in brenzligen Situationen zwei Strategien bewährt: Angriff oder Flucht, fight-or-flight. Kaum hat das Gehirn die Lage eingeschätzt - Wie gross ist der Bär? Schaffe ich ihn oder schafft er mich? - versetzt es den gesamten Organismus mit Hilfe einer Vielzahl von chemischen Stoffen in erhöhte Aktionsbereitschaft.
Ein sehr wichtiger Botschafter des Hirns ist das Corticotropin-Releasing- Hormon (CRH). Zum einen alarmiert es das sympathische Nervensystem, das über seine Nervenenden in allen Gefässen, Muskeln, Schweissdrüsen und fast sämtlichen Organen vermehrt Noradrenalin ausschüttet: einen für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen wichtiger Botenstoff.
Von ihm gelangt besonders viel in jene Hirnareale, die Gefühle und Verhalten regulieren. Im Nebennierenmark kommt es zum viel zitierten Adrenalinstoss.
Beide Stoffe sorgen für eine sekundenschnelle Mobilmachung: Die Energiereserven Zucker und Fett werden geplündert; das Herz schlägt schneller und versorgt die Muskeln mit mehr Kraft und Sauerstoff; das Bedürfnis nach Schlaf, Essen oder Sex wird abgeschaltet, denn all das wäre im Angesicht des Bären ziemlich unangebracht. Auch die Verdauung erlahmt, Blase und Darm versuchen noch rasch, überflüssigen Ballast loszuwerden....
Ein zweiter zentraler Informationskanal verläuft vom Hypothalamus der Schaltstelle zwischen Nervensystem und Hormonproduktion über die Hirnanhangdrüse zur Nebennierenrinde
Er arbeitet langsamer als der erste und verstärkt dann, wenn sich die Lage nicht auf Anhieb meistern lässt. Vielleicht weil der Bär zu gross ist und wir keinen Fluchweg sehen. Weil wir uns auf unbekanntem Terrain bewegen oder wir jeder Zeit mit bösen Überraschungen rechnen. Während also der Soforteinsatz längst aktiviert ist, organisiert diese zweite Achse weitere Verstärkung und sorgt auch für den Verletzungsfall vor: In der Nebennierenrinde wird vermehrt Cortisol gebildet. Auch die Immunabwehr wird prophylaktisch angekurbelt: weisse Blutkörperchen wandern verstärkt ins Gewebe und bilden zum Schutz vor potenziellen Invasoren eine buchstäblich «dickere Haut».
Dieses psychologische Krisenmanagement war für Situationen auf Leben und Tod gedacht. Die beste Vorsorge für die Zukunft der Menschen früher lautete denn auch schlicht: Hauptsache, diesen Tag überstehen. Diese Strategie hat sich so gut bewährt, dass wir sie als moderne Menschen immer noch im genetischen Programm haben.
Neu hingegen ist, worin wir heute Bedrohung sehen.
Ein Prüfungsgespräch, ein Computer-Absturz oder auch nur der blosse Gedanken daran was immer auch unser Gehirn in Schrecken versetzt, kann uns genauso auf Hochtouren bringen, als sässe ein Bär hinter dem Schrank. Nur: Die freigesetzte Energie wird nicht wirklich gebraucht Flucht und Kampf werden meist nur noch in Gedanken und Worten ausgetragen. Zivilisiert wie wir nun mal eben sind werden wir diesen Teil der Stressreaktion vermutlich unterdrücken. Sozial gesehen ist das zwar durchaus vorteilhaft, für den Organismus aber auf die Dauer schädlich. Ohne physische Aktivität klingt nämlich die innere Mobilisierung langsamer ab und erschwert es uns, auch geistig wieder abzuschalten.
|