Die ersten Monate an der Uni hinterliessen bei mir ein Gefühl der Einsamkeit, der Verlorenheit. Darunter mischte sich trotzdem das erhabene Gefühl dazu zu gehören, ein Student zu sein.
Es gefiel mir Studierenden zu zuhören, wie sie über Dinge sprachen die ich nicht verstand. Aber ich war überzeugt, dass das was verhandelt wurde wichtig war.
Veranstaltungen in denen ich etwas verstanden hätte, bezeichnete ich als Kindergarten. Sich eine Sprache anzueignen mit möglichst vielen Fremdwörtern war die grosse Herausforderung für mich. Als ich endlich der Sprache mächtig war, gehörte ich dazu, die Dozenten wurden aufmerksam auf mich. Ich übte meinen Bluff gut ein und machte sogar Karriere an der Uni.
Eigentlich sollte die Universität die Möglichkeit bieten, zusammen mit anderen interessante Fragen zu untersuchen und in neugierigem Lernen die Welt und die eigene Stellung in ihr besser zu verstehen. Das Problem besteht darin, das solches Versprechen an der Uni kaum einzulösen ist, das die universitäre Art, mit Problemen umzugehen, das Interesse vielmehr abtötet, die Neugier eintrocknet und das inhaltliche Gespräch verhindert. Sie produziert Angst, Einsamkeit und Langeweile. Sie entfremdet die Studierenden und die Lehrenden vom Stoff, von sich selbst und voneinander.
Im Studienverlauf verschärft sich das Problem , statt sich abzumildern. Die Studierenden reagieren darauf ganz unterschiedlich, manch mit Depressionen, andere mit Studienabbruch, wieder andere mit Rückzug in die Unauffälligkeit und manche wie ich mit auftrumpfendem Bluff. Die Schwierigkeit, die sie mit solchen unterschiedlichen Reaktionsweisen zu bewältigen versuchen, ist aber immer die gleiche: Angst vor der Abwertung als Nichtwissende.
Das Grundproblem, die Entfremdung vom Stoff, von den anderen und von sich selbst, hat zwei verursachende Aspekte: einerseits die Institution und andererseits die Bereitschaft der meisten Studierenden sich an die Institution anzupassen. Eine solche Bereitschaft entspringt der Neigung, den eigenen „Selbstwert“ aus dem wertenden Vergleich mit anderen zu gewinnen. Die Orientierung an anderen, die als überlegen wahrgenommen werden, erzeugt sowohl Anpassung wie Abhängigkeit von anerkennenden Gesten und Urteilen dieser Person. Wo Wissen und Sprache die Hauptkriterien für die Stellung in der Universitären Hierarchie sind, haben vermutete oder wirkliche Defizite in diesen beiden Bereichen besonders nachteilige Auswirkungen auf das „Selbstwertgefühl“, dies um so mehr, sind durch die bisherige Lebensgeschichte bereits Empfindlichkeiten in diesen bereichen vorprogrammiert, wie dies zum Beispiel bei Frauen, Studierenden aus dem nicht-europäischen Ausland und aus nicht akademischen Familien der Fall ist.
Ein Dilemma das für das gesamte Studium gilt ist Anpassung. Anpassung wird leicht zum „persönlichen Stil“, zum Teil der Person. Aber ohne Anpassung geht es auch nicht, oder nur sehr schwer und mit grossen Kosten. Die Gefahr ist dann, sich widerwillig dem Druck zu fügen mit dem inneren Trost, es geschehe nur noch kurze Zeit, bis das erstrebte Ziel, der Abschluss, die Stelle oder sonst etwas, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung garantiert. Ein solches Verschieben auf später, hat die Tendenz, sich zu verewigen. Immer aber ist es vertane Lebenszeit. Was immer man forscht, schreibt oder sonst tut, sollte bereits während des Tuns interessant genug sein, dass es wert ist, getan zu werden.
Wann wird erbrachte Leistung Anpassung zur Gewohnheit und damit zum persönlichen Stil? Das ist eine andere Fassung der Frage : wie studieren und sich nicht verlieren? Darauf gibt es keine einfache, zeitlos gültige Antwort. Vielmehr muss das Mass für die stimmige Kombination zwischen Anpassung und Selbstbestimmung immer wieder neu bestimmt und gefunden werden nach den Regeln des Bogenschiessens: die Entscheidung für Sicherheit bedeutet jeweils Stillstand und Langeweile. Damit steckt für mich das Fazit der Universitätsanalyse. Die Angstabwehr verwandelt eine Institution, die ein Ort spannender inhaltlicher Auseinandersetzung sein könnte, in einen Ort bedrückender Isolierung und Langeweile. Die Institution Universität kann sich daher nur dort ändern, wo sich jemand traut, zu tun, was ihn oder sie wirklich interessiert.
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