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Schwerpunktthema: Versöhnung


Kast, Verena :
Wenn wir uns versöhnen
Stuttgart, Kreuz Verlag, 2005




Karl hat in seinem Leben schwierige Erfahrungen gemacht, die sein Leben noch immer bestimmen und die ihn unversöhnlich machen.

Sein Vater zeigte sich immer wieder enttäuscht von ihm. Auf eine Erinnerung angesprochen, die diese Erfahrung zeigen könnte, sagte er: „Ich war vielleicht sechs. Es war kurz bevor ich in die Schule kam. Ich erzählte eine Geschichte, verhaspelte mich dabei, weil ich meinem Vater gefallen wollte, und der Vater sagte sehr ärgerlich: Schweig! Geh mir aus den Augen! Aus dir wird nie etwas Rechtes. Er wandte sich demonstrativ meiner Schwester zu und bat diese, ihm etwas zu erzählen. Ich haste meine Schwester und den Vater, ich war sehr wütend, aber auch hilflos. Der Vater verachtete mich. Er scheuchte mich mit den Händen weg, wie man eine lästige Fliege verscheucht.“

Erfahrungen dieser Art machte Karl immer wieder – nicht nur mit seinem Vater, sondern auch mit seinem Lehrer. Karl erinnerte sich auch daran, wie man ihm auf der Klassenfahrt – da war er etwa zehn – „vergessen“ hatte. Was war geschehen? Karl erzählt: „Wir haben mit der Klasse eine Höhle besucht – da gab es gute Versteckmöglichkeiten. Ich habe mich gut versteckt und erwartet, dass man mich suchen würde. Aber man hat mich nicht gesucht. Ich bekam es mit der Angst zu tun, es wurde Nachmittag, dunkler, vielleicht kam auch ein Gewitter, das weiss ich nicht mehr genau, nur dass es dunkler wurde und ich gar nicht wusste, wie ich nach Hause kommen sollte. Jemand rief mich dann. Es war ein unbekannter Mann. Er war ungehalten: Ich sei ein Dummkopf, die Klasse sei schon am Bahnhof. Er treib mich an, irgendwie kam ich dann nicht rechtzeitig zum Zug, bekam aber nichts zu trinken. Der Lehrer schalt mich auch, die Mitschüler sagten schnippisch „Immer der“ und zu Hause, als der Vater hörte, was geschehen war, bezeichnete mich als Oberidioten. Niemand wollte etwas von meiner Angst wissen, niemand freute sich, dass ich wieder zum Vorschein gekommen war. Alle fanden, ich sei selber schuld.“

Karl versuchte offenbar seine Mitschüler und Mitschülerinnen, wohl auch den Lehrer, dazu zu bringen, ihn zu suchen. Damit hätten sie ihm auch bewiesen, das es ihn gibt und dass er seinen Platz hat in der Klasse. Er wird aber vergessen – niemand vermisst ihn. Es gibt ihn schon fast nicht mehr. Diese Erfahrung ist gespiegelt in der Angst des Buben, in seiner Wahrnehmung, dass es dunkel oder gewittrig wird, eine Wahrnehmung, die er selber im Nachhinein als unrealistisch einschätzt. Immerhin, man hatte ihn nicht ganz vergessen, man schickte jemanden los, ihn zu suchen, und man hatte auch eine Idee, wo man ihn verloren haben könnte. Diesen Aspekt sieht Karl natürlich nicht. Die Erfahrung stimmt mit seinen schlimmsten Beziehungserfahrungen überein: Er wird vergessen, nicht bedauert, alles ist ein Fehler, immer wieder wird ihm eingeredet, er sei eigentlich blöd. Karl hat im Laufe seiner Kindheit und später viele solcher herabsetzenden, beschämenden Erfahrungen gemacht.

Weitere Beispiele wie dieses, finden sich in diesem Buch.

Was heisst es aber, zu verzeihen und sich zu versöhnen? Wie kann es gelingen? Warum ist es so schwierig? Wann kann es falsch sein, sich zu versöhnen? Zu verzeihen und sich zu versöhnen ist manchmal ein langwieriger Prozess, der aber zu einer grösseren Freiheit führt und uns aktiv unser aktuelles Leben gestalten lässt. Dieser Prozess lässt uns nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern führt dazu, dass es uns gelingt, immer wieder die Opferposition, in die wir hineingeraten, zu überwinden und selbstwirksam zu werden. Verzeihen und sich versöhnen ist ein aktives Tun und erwächst aus einem Entschluss, durch den man aus der Position des blossen Opfers herausfindet zu einer Position der Würde.

Verzeihen meint, sich etwas zu versagen, den Anspruch auf Genugtuung oder Rache aufzugeben. Sich zu versöhnen bedeutet, eine Verfehlung, oder was wir für eine Verfehlung, halten, schuldhaftes Verhalten, nicht mehr übel zu nehmen, sondern zu verzeihen und darüber hinaus wieder ein vertrauensvolle Verbindung herzustellen, auch wenn man nicht weiss, ob diese Verfehlung nicht erneut vorkommen wird. Das ist eine wichtige Voraussetzung.

Zur Versöhnung müssen wir uns entschliessen. Wir können sie nicht fordern, aber vielleicht fördern. Sich versöhnen ist mehr als verzeihen, beruht aber auf dem Verzeihen. Um verzeihen zu können, muss man die Verletzung wahrnehmen, den Ärger oder die damit verbundene Scham spüren, und sich erholen, aber auch verstehen, warum es zu dieser Situation gekommen ist. Das Mehr bei der Versöhnung besteht in der Entschlossenheit , diese Beeinträchtigung hinter sich zu lassen, und sich dem anderen Menschen wieder in Liebe oder allenfalls Respekt zu verbinden. Wir können einem Menschen verzeihen, ohne dass wir wiederum in eine Beziehung zu ihm oder zu ihr eintreten, ohne dass wir uns wirklich versöhnen.

Wenn wir uns versöhnen können, dann sind wir nicht nur mit uns selbst wieder einverstanden, sondern auch auch mit dem anderen . Wir sind dann in einem weiteren Zusammenhang auch wieder grundsätzlicher einverstanden mit dem Leben. Wir erfahren, dass auch etwas , was heillos verstrickt zu sein schien, wieder heil werden kann. Das ist eine gute Erfahrung, die wir verinnerlichen und die uns dazu verhilft, Konfliktsituationen auch in der Zukunft – wenn nicht positiver – zumindest offener zu beurteilen.



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