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Schwerpunktthema: Versöhnung


Ley, Katharina :
Versöhnung mit den Eltern. Wege zur inneren Freiheit



So hat sich Klaus das nicht vorgestellt: Sein intellektuell so begabter Sohn hat zwar sein Studium mit sehr guten Noten abgeschlossen, aber jetzt lebt er in Sizilien mit einer Frau und deren drei Kindern, hilft ihr beim Weinbau, schreibt angeblich ab und zu einen Artikel - und scheint sich wohl zu fühlen. Klaus, der Vater, fühlt sch aber nicht wohl. Er hat sich vorgestellt, dass sein Sohn eine ähnliche Karriere einschlagen wird wie er, dass er erfolgreich sein wird. Und jetzt das! Er kann sich auch nicht vorstellen, dass sein Sohn wirklich zufrieden ist, und ist überzeugt davon, dass er eines Tages diesen "Ausflug nach Sizilien" schwer bereuen wird.

Andererseits: Sein Sohn weiss, dass er die Erwartungen des Vaters nicht erfüllt, und beide spüren, dass ihr sonst so nahes Verhältnis belastet ist. Klaus Meint, er müsse sich mit dem Lebensstil seines Sohnes aussöhnen. Aber eigentlich ist es gar nicht der Lebensstil der ihm so sehr missfällt, es ist mehr die Diskrepanz zwischen seiner Vorstellung für das Leben seines Sohnes und dem Leben, das dieser gewählt hat. Natürlich ist Klaus davon überzeugt, dass jeder Mensch das Recht, ja die Pflicht hat, den eigenen Lebensstil zu wählen. Er weiss auch, dass Biografien eigentümliche Wendungen nehmen können, dass das, was zunächst als problematisch erschien, sich durchaus als sehr kreativ und befriedigend herausstellen kann.

Er weiss auch, kann er sich von seiner Vorstellung nicht trennen, wird sich die Kluft zwischen ihm und seinem Sohn auftun. Aber wie sich trennen von einer solchen Vorstellung? Alle vernünftigen Argumente hat er sich schon vorgesagt.

Er versucht es in einer Imagination. Er stellt sich den Werdegang seines Sohnes vor, ideal natürlich. Er treibt seine Imagination immer weiter voran: die Professur, die richtige Frau, zwei nette Enkel. Die Imagination wird immer weniger lebendig, Klaus sagt plötzlich: Ich wäre vielleicht glücklicher mit diesem Lebensweg, aber er wohl nicht. Schade ist es um die vielen guten Diskussionen, die wir miteinander hätten haben können. Ihm fallen viele inspirierende Gesprächssituationen mit seinem Sohn ein. Es wird ihm bewusst, wie viele Qualitäten sein Sohn als Mensch hat und dass es auch gut sei, wenn er diese Qualitäten auch in andere Beziehungen einbringen könne. Trauer erfüllt seine Stimme: So, wie er sich das vorgestellt hatte, so war es nicht – aber es gibt seinen Sohn ja noch, fällt ihm plötzlich ein. Und vielleicht sogar als interessanter Gesprächspartner! Aber dann hadert er wieder mit der Wahl seines Sohnes: Müsste das Leben nicht doch etwas intellektueller sein? Der Sohn hat das zu seinem Leben gemacht, was im Elternhaus ausgespart war, er lebt zu einem Teil den „Schatten“ seiner Eltern, was er selber so natürlich nicht sehen würde, was aber sein Vater so sieht. Er, Klaus, hätte sich auch nie dafür hergegeben, für drei fremde Kinder „Vater zu spielen“. Seinem Sohn macht das Freude. „Vielleicht“, so Klaus, „ist er liebevoller und grosszügiger als ich!“

Der Abschied von der Vorstellung, wie der Sohn sein Leben zu leben habe, die Trauer darüber, bewirkte, dass das Zwingende, das in dieser Vorstellung erlebbar war, verschwand. Der Sohn musste nicht mehr der Vorstellung des Vaters um jeden Preis entsprechen. Die sizilianische Zeit wurde nicht mehr gesehen als eine „Auszeit“, bis das wirkliche Leben beginnt. Um sich von dieser zwingenden Vorstellung verabschieden zu können, musste Klaus aber auch Schattenakzeptanz üben: Werte, die er selber für unwichtig erachtet, können für seinen Sohn wichtig sein. Er musste auch zugeben, dass er manchmal auch gern mit den Händen arbeiten würde. Nach dieser Trennung von der fixen Vorstellung, was denn das gute Leben seines Sohnes sein könnte, konnte Klaus erkennen, dass im Lebensentwurf seines Sohnes auch Qualitäten enthalten sind, die er auch anerkennen kann. Die Beziehung zwischen den beiden wurde wieder wesentlich freier und unbelasteter.



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